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UKD-Azubis finden alte Röntgenaufnahmen und begeben sich auf Schatzsuche
(1) Am 8. November 1985 beobachtet Wilhelm Conrad Röntgen zum ersten Mal die von ihm so benannten X-Strahlen. Schnell verbreiten sich die Röntgenbilder in der Medizin und werden zur Diagnostik eingesetzt. Auch in der „Medizinischen Klinik“ der damaligen Städtischen Krankenanstalten in Düsseldorf, wie hier auf dem Bild etwa aus dem Jahr 1925. (Quelle: Universitätsarchiv Düsseldorf)
UKD-Azubis finden alte Röntgenaufnahmen und begeben sich auf Schatzsuche
(2) Zusammen mit ihrem Lehrer und den Mitschülerinnen und Mitschülern waren Jessica Kaiser und Güldag Harun – beides MTA-R- Auszubildende am UKD – auch im Stadtarchiv auf Spurensuche und konnten hier unter anderem in die Personalakten ihrer Vorgänger schauen. (Foto: Universitätsklinikum Düsseldorf/UKD)

Von: Susanne Blödgen

UKD-Azubis finden alte Röntgenaufnahmen und begeben sich auf Schatzsuche

Es war ein kleiner medizinischer Schatz, den Lehrer Efim Flom und seine Schülerinnen und Schüler – allesamt in der radiologischen Ausbildung als sogenannte MTA-Rs (Medizinisch-Technische/r Radiologie-Assistent/Innen) am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) – bei Umbauarbeiten im vergangenen Jahr in der hauseigenen MTA-Schule der Uniklinik gefunden haben. In mehreren Kartons fanden sie mehr als 50 Glasplatten von der Größe eines DIN A4-Papierblatts. Bei dem Fund handelt es sich um mit Gelatine-Bromsilber-Lösung beschichtete Glasplatten mit Röntgenaufnahmen - überwiegend Darstellungen des Brustkorbs. Da die Aufnahmen gut lesbar beschriftet waren, wurde schnell deutlich: Sie sind wirklich alt und zwischen 1909 und 1921 entstanden. Gerade einmal 15 Jahre zuvor hatte Wilhelm Conrad Röntgen die Röntgentechnik überhaupt erst entdeckt.

„Die Aufnahmen haben unsere Neugier geweckt. Sie sind immer noch sehr gut erhalten. Man kann die geröntgten Knochen und das Gewebe noch gut erkennen. Wir haben uns dann gefragt: Wer waren die Leute, die hier vor über 100 Jahren geröntgt wurden? Noch viel spannender für uns als medizinisches Fachpersonal, dass sich beruflich mit dem Thema Röntgen und Strahlentherapie beschäftigt, waren aber die Fragen: Mit was für einer Technik und aus welchem Grund wurden die Aufnahmen gemacht? Wer waren die Technischen Assistenten, die diese Aufnahmen gemacht haben? Das waren ja unsere Vorgänger hier am UKD!“, erklärt Efim Flom.

Auf den Spuren Ihrer Vorgänger: Schatzsuche in den Archiven der Stadt

Gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern hat Efim Flom die Platten erst einmal kategorisiert und dann zusammen mit Prof. Dr. Gerald Antoch, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Ärztlicher Leiter der MTA Schule, für jede Aufnahme einen Befund der Erkrankung des Abgebildeten erstellt. Im Rahmen eines Projektes hat man sich dann auf die Spurensuche nach den Erstellern begeben.

Geführt hat die Schüler und ihren Lehrer diese Suche von der Unibibliothek über das Universitätsarchiv hin zum Stadtarchiv Düsseldorf, das unter anderem die Personalakten der damaligen Städtischen Krankenanstalten verwaltet – dem Vorgänger der heutigen Uniklinik. Die Erkenntnis: Die Aufnahmen wurden mit Sicherheit angefertigt in der damals sogenannten „Medizinischen Klinik“ unter der Leitung des Geheimen Medizinalrats (eine preußische Bezeichnung für Lehrstuhlinhaber) Prof. Dr. August Hoffmann. In seiner Klinik wurden damals die meisten Thorax-Röntgenaufnahmen im Großraum Düsseldorf erstellt.

„Unser Projekt-Team hat rausgefunden, welche Ärzte und Röntgen-Assistenten damals an den Aufnahmen beteiligt waren. Im Stadtarchiv konnten sie zum Beispiel die Personalakten einsehen. Das war, als ob sie unsere Vorgänger persönlich kennengelernt hätten. Diese Menschen haben den selben Beruf wie unsere Schüler und Lehrer auf diesem Gelände ausgeübt – nur halt vor 110 Jahren. Diese medizinischen Artefakte verbreiten eine unglaubliche Faszination“, freut sich auch Lisa Heise, Schulleiterin der MTA Schule an der Uniklinik Düsseldorf, über die Erkenntnisse ihrer Schülergruppe.

Technische Entwicklung, aber doch eine enge Verbundenheit zu den Vorgängern

„Unsere zweite Frage nach der damaligen technischen Ausstattung – dem ‚Röntgeninstrumentarium‘ wie man das nannte – war deutlich schwieriger“, erklärt Lehrer Efim Flom. Bei zahlreichen Besuchen im Universitäts- und Stadtarchiv hat das Team hunderte alte Firmen-Briefe, Kostenvoranschläge, Reklamationen, interne Schreiben, Kaufgenehmigungen und viele andere Verwaltungskorrespondenzen aus den frühen Jahren des Klinikums abfotografiert, dokumentiert und analysiert.

„Diese Untersuchungen und Arbeit mit dem historischen Material und Dokumenten hat enorm Spaß gemacht und den Schülerinnen und Schülern die historische Bedeutung nähergebracht. Wir waren zum Beispiel auch im Röntgenmuseum in Remscheid. Was wir so spannend fanden: Die Röntgenmedizin war damals erst wenige Jahre alt und aufgrund der Strahlenbelastung mit vielen gesundheitlichen Risiken behaftet. Die haben wir heute in modernen Krankenhäusern natürlich nicht mehr. Aber die Abläufe vor über 100 Jahren haben uns schon an unsere tägliche Arbeit erinnert.“

Historische Parallelen: Radiologie in Zeiten von Tuberkulose und Corona

Wie stark sich die Abläufe ähneln, erlebten Efim Flom und seine Schülerinnen und Schüler dann sehr nah. Mitten in das Projekt platzen die ersten Corona-Fälle in Deutschland: „Schon in der ersten Auswertung mit Professor Antoch haben die Schüler herausgearbeitet, dass ein großer Teil der Aufnahmen gemacht wurde, um ein Röntgenbild der Lunge zu haben. Das wurde vor allem für die Behandlung von Tuberkulose gebraucht. Tuberkulose ist eine (bakterielle) Infektionserkrankung, die beim Menschen auch die Lunge betreffen kann und war damals eine der am meisten behandelten Krankheiten. 110 Jahre nachdem die Aufnahmen gemacht wurden, benutzen wir genauso Röntgenaufnahmen, um eine Lungenerkrankung zu diagnostizieren. Diese Gemeinsamkeit zwischen der Arbeit des radiologischen Fachpersonals in Zeiten der Corona-Pandemie und die geschichtliche Verbundenheit zu unseren Vorgängern, hat uns sehr beeindruckt.“

„Diese Verbindung verdeutlicht auch die wichtige Rolle von MTA-Rs für die Erstellung von Diagnosen. Röntgenbilder sind heute wie vor 110 Jahren noch essentiell für die Diagnose der meisten Erkrankungen. Es war sehr schön zu beobachten, wie die MTA-R Schülerinnen und Schüler diese Relevanz ihres eigenen Berufes für das Gesundheitssystem nicht nur im aktuellen Klinikalltag, sondern auch im historischen Kontext sehen konnten“, betont Lisa Heise.

Die Röntgen-Glasplatten werden sicher als historische Artefakte in der MTA-Schule der Uniklinik Düsseldorf aufbewahrt.

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