PSY-KOMO Projekt abgeschlossen

Verbesserte Gesundheitsversorgung für psychisch kranke Menschen

12.05.2026 – Das Projekt PSY-KOMO hat sich zum Ziel gesetzt, Komorbiditäten bei von psychischen Erkrankungen Betroffenen besser zu erkennen und zu versorgen. Dafür hat die Forschungsgruppe, die von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) mit dem LVR-Klinikum Düsseldorf und das Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) geleitet wurde, mögliche Ansatzpunkte zur besseren Vorsorge identifiziert. Ziel war es, so die erhöhte Sterblichkeit bei Betroffenen zu senken. Mit Projektabschluss können die Forschenden nun ermutigende Ansätze vorstellen, die im Rahmen von PSY-KOMO erforscht wurden.

Statistisch gesehen entwickeln Menschen, die an schweren psychischen Erkrankungen leiden, häufiger schwerwiegende körperliche Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht. Diese sogenannten Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) werden oft zu spät erkannt oder nur unzureichend behandelt. Für die Betroffenen führt dies nicht selten zu einer verkürzten Lebenserwartung. Das liegt auch daran, dass die Wege zu den richtigen Ansprechpartnern für körperliche Beschwerden mitunter lang sein können. Wer psychisch schwer erkrankt ist, schafft es häufig kaum, diese Wege zu koordinieren. Weiter erschwert wird dies, wenn sie aufgrund ihrer Diagnose von Ängsten, Antriebslosigkeit, Misstrauen oder sozialen Probleme betroffen sind.

Mit dem Ziel, mögliche Ansatzpunkte zur besseren Vorbeugung und Versorgung von Komorbiditäten bei psychischen Erkrankungen zu identifizieren, wurde 2020 das Projekt PSY-KOMO ins Leben gerufen. Beteiligt daran waren auch Forschende der HHU, des LVR-Klinikums Düsseldorf und des UKD mit dem Institut für Allgemeinmedizin (ifam) und dem Institut für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie. Gemeinsam mit Forschenden der Unikliniken Frankfurt und Greifswald, psychiatrischer Kliniken in Göppingen und Neuss und der Psychologischen Hochschule Berlin haben sie über einen Zeitraum von insgesamt vier Jahren einen innovative Versorgungsansatz erprobt und im Anschluss ausgewertet. Mit Abschluss des Projekts können die Forschenden nun erste positive Ergebnisse berichten.

Im Rahmen des Projekts haben die Forschenden in vier Schwerpunktregionen Deutschlands ein Modell etabliert, bei dem den psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten eine Gesundheitsbegleitung als niedrigschwellige Kontaktperson zur Seite gestellt wurde, um sie besser in die Diagnostik und Versorgung der Komorbiditäten einzubinden. Eine dieser Schwerpunkt-Regionen war der Kreis Neuss. Gemeinsam mit den Gesundheitsbegleiterinnen und -begleitern sollten die Betroffenen frühzeitig in eine leitliniengerechte Behandlung überführt sowie Prävention und Früherkennung gefördert werden. An der Studie nahmen insgesamt 1805 Personen teil (60 % Frauen; Durchschnittsalter 49 Jahre). Diese wurden gegen eine externe Kontrollgruppe anhand von Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen verglichen. Die Teilnehmenden litten überwiegend an affektiven Störungen, zu denen beispielsweise depressive Erkrankungen oder bipolare Störungen gerechnet werden, Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis oder emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen wie einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Nach Abschluss der Auswertung können die Forschenden nun von ersten ermutigenden Resultaten im Vergleich zur Kontrollgruppe berichten. So konnte etwa die Zahl der Diagnosen deutlich erhöht werden: In der Interventionsgruppe wurden bei 11 Prozent der Teilnehmenden neu diagnostizierte Begleiterkrankungen festgestellt, verglichen mit nur 6 Prozent in der Kontrollgruppe. Das bedeutet eine mehr als doppelt so hohe Erkennungsrate. Insbesondere bei Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz sowie chronischen Erkrankungen der Lunge wie Bronchitis, Asthma oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankungen (COPD) gab es signifikante Unterschiede in der Erkennung. Die Einhaltung von Behandlungsleitlinien war bei Patientinnen und Patienten mit Psychosen oder emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen in der Interventionsgruppe signifikant besser. Außerdem nahm ein höherer Anteil der Interventionsgruppe an ärztlich verordneten Vorsorgeuntersuchungen und Check-ups teil (p < 0,001).

„Gerade bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wird die körperliche Gesundheit noch viel zu wenig beachtet“, betont Univ.-Prof. Dr. Stefan Wilm (Direktor des ifam, UKD). „Viele haben weder die Kraft noch die Struktur, sich selbst um Vorsorge, Termine und Überweisungen zu kümmern. Wenn wir sie hier alleinlassen, riskieren wir, dass lebensbeeinflussende Diagnosen viel zu spät gestellt werden.“ 

Ein Netzwerk für die bessere Versorgung

Univ.-Prof. Dr. mult. Andrea Icks (Direktorin des Instituts für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie, UKD) berichtet von der verbesserten Versorgung: „PSY-KOMO zeigt, dass wir Brüche in der Versorgung überwinden können, wenn wir Netzwerke schaffen und Verantwortung teilen“. Sie führt aus: „Das Projekt wurde sehr erfolgreich umgesetzt – und vor allem: Es wurde von den Betroffenen als wirkliche Unterstützung erlebt. Die Behandlung verbesserte sich deutlich.“ Manche Patientinnen und Patienten hätten zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder einen anderen Arzt als den behandelnden Psychiater besucht. Das liegt zum Teil auch an Stigmatisierungserfahrungen. „Einige Patienten wollten sich der Stigmatisierung nicht mehr aussetzen, konnten sich erst überwinden, als die Gesundheitsbegleiterin mit zum Termin gegangen ist.“

Univ.-Prof. Dr. Eva Meisenzahl, Leiterin der Allgemeinen Psychiatrie I am LVR-Klinikum und Lehrstuhlinhaberin für Psychiatrie und Psychotherapie: „Dieses Projekt unterstützt die dringend notwendige somatische Versorgung von Menschen mit psychotischen Erkrankungen und ist wegweisend für eine moderne Psychiatrie“.

Interpretation der Ergebnisse und Ausblick für die Praxis

Laut den Forschenden beweist PSY-KOMO so die Machbarkeit und Effektivität der Integration der Gesundheitsbegleitung und Vernetzung vor Ort in die psychiatrische Versorgung. Die Intervention verbesserte die Erkennung und Behandlung von Begleiterkrankungen und erhöhte die Teilnahme an präventiven Maßnahmen bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen.

Damit bietet dieses Modell einen evidenzbasierten Rahmen zur Verknüpfung von psychiatrischen und körperlichen Gesundheitsdiensten in komplexen, realen Versorgungssituationen. Die positiven Ergebnisse des PSY-KOMO-Projekts könnten wichtige Impulse für eine zukünftige, ganzheitlichere Patientenversorgung in ganz Deutschland geben und dazu beitragen, die Lebensqualität und Lebenserwartung dieser oft vernachlässigten Patientengruppe nachhaltig zu verbessern und die Übersterblichkeit endlich zu senken.

PSY-KOMO wurde durch den Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses mit insgesamt 8 Millionen Euro gefördert (Förderzeichen: IA 701 401 047).

Mehr dazu: www.psy-komo.de

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