Vesters Archiv für Geschichte des deutschen Apothekenwesens [1948]: Arbeitsbericht (Entstehung und Ausbau)

Aus: Süddeutsche Apotheker-Zeitung 88 (1948), H. 5, S. 133f.

1937 beim Studium in München fielen mir zum erstenmal die illustrierten Apothekenkalender von Kollegen Dr. Fritz Ferchl und auch die übrigen Arbeiten der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie in die Hände und gaben mir die Anregung zu meiner ersten pharmaziegeschichtlichen Betätigung. Hier waren so viele Themen aufgezeigt, denen ich nachgehen konnte, und solches Studium brachte mich dazu, das ganze reichhaltige Material systematisch einzuordnen, wie ich dies im vorigen Bericht in der „Pharmazie" beschrieb. Über 2000 Kartons füllten sich allmählich und ergaben so eine interessante Bildsammlung.

 1940 las ich die Arbeit von Georg Urdang „Die deutsche Apotheke als Keimzelle der deutschen pharmazeutischen Industrie" (in: Die Vorträge der Hauptversammlung in Wien / Minenwald, Nernayer 1931). An alle in diesem Artikel genannten Werke richtete ich die Bitte um Übersendung geschichtlichen Materials über den Werdegang ihrer Fabrik. Unter den Antworten war eine Arbeit, die mir besonders gefiel: Die Geschichte der Ratsapotheke zu Halberstadt, aus der die Ysat-Werke hervorgingen. Die Aufmachung, Ausstattung und der Gehalt dieses Heftes gefielen mir, so daß ich nun nach und nach an ca. 700 alte Apotheken schrieb (vor allem damals an die Stadt-, Hof- und Ratsapotheken und um geschichtliches Material für meine Sammlung bat. Viele Kollegen antworteten und bereicherten so meine Mappen ganz ansehnlich. Vor allem wichtig sind heute wohl diejenigen Schreiben aus den Apotheken, die durch Kriegseinwirkung zerstört wurden, oder jenseits der derzeitigen Ostgrenze liegen. Sicher könnten jetzt noch mehr Kollegen das geschichtliche Material über ihre zerstörte Apotheke in Abschrift wieder zurückerhalten, wenn sie damals noch zahlreicher meinen Aufforderungen nachgekommen wären. Aber viele waren eingezogen, und vor allem Zeitmangel behinderte weitere Einsendungen. Jedenfalls war das Ergebnis meiner Nachfragen für mich schon so befriedigend, daß ich mich im Winter 1941/42, als ich zu meiner Einheit nach Riga verlegt wurde, mit Herrn Prof. Dr. Maizits, dem Ordinarius für Pharmazie und Pharmaziegeschichte an der dortigen Universität, in Verbindung setzte, der meinen Plänen neuen Auftrieb gab. Sein vorbildlich eingerichtetes Institut und seine ruhige und freundliche Art, mit der er mich beriet, waren es, die mir weitere Anregungen für meine pharmaziegeschichtliche Arbeit gaben.

Aus der Veröffentlichung von G. E. Dann „Wie schreibe ich die Geschichte meiner Apotheke?" erfuhr ich, daß Kollege Güntzel-Lingner 1923-25 an alle deutschen Apotheken Fragebogen versandt hatte, die zum größten Teil noch nicht ausgewertet waren, weil der Urheber durch widrige Umstände seine Arbeit abgebrochen hatte. Apotheker Güntzel-Lingner hat übrigens 1911 erstmalig den Versuch unternommen, für Deutschland eine periodisch erscheinende pharmaziegeschichtliche Zeitschrift, ein ,,Archiv für Geschichte der Pharmazie" herauszugeben. Sie überdauerte aber nur einige Nummern.

Der Mut und der Plan, mit denen Güntzel-Lingner damals zu Werke ging, ist erstaunlich, und neben sonstigem pharmaziegeschichtlichen Material und Literatur konnte er ca. 2000 ausgefüllte Fragebogen zusammenbringen, die sehr viele wertvolle Angaben enthalten und die er mir insgesamt (wie ich bereits berichtete) in so liebenswürdiger Weise nach vorgegangener langer Korrespondenz zur Vervollständigung meines Archivs überließ, daß es dadurch eine außerordentliche Erweiterung und Bereicherung erfahren hat. Jetzt erst war ich in der Lage, meine eigenen apothekengeschichtlichen Anstrengungen weiterzutreiben. Jetzt hatte ich in Verbindung mit meinen eigenen gesammelten Unterlagen eine breite Basis auf der sich weiterbauen ließ.

Im Hinblick auf die Güntzelsche Sammlung, dessen Versprechen ich schon 1945 hatte, als ich aus der Gefangenschaft entlassen wurde, baute ich neben der zerstörten väterlichen Apotheke auch mein kleines Archiv wieder auf und konnte bald schon einen eigenen Raum dafür herrichten. Wie weit die Sammlung heute schon gediehen ist, sollen die beigefügten

Abbildungen veranschaulichen. Mit fortschreitendem Ausbau meiner Apotheke häufte sich die Arbeit derart, daß ich nicht mehr alles alleine im Archiv bewältigen konnte. So fand ich drei Mitarbeiter, die mich seither mit großem Interesse unterstützen. Heute bin ich in der Lage, viele Anfragen, die an mich gerichtet werden, zu beantworten, wenn ich auch oft noch auf die Lücken verweisen muß, die meine Sammlung natürlich aufweist. Um solche Lücken zu schließen, nimmt mein Archiv Verbindung auf mit anderen gleichgearteten Einrichtungen, so z. B. mit dem Niederelbischen Archiv für Pharmaziegeschichte, das Kollege Richard Aßmus in Hamburg-Harburg ins Leben rief und mit großem Fleiß leitet und zu erweitern sucht. Es wäre zu wünschen, wenn solche speziellen landschaftlich gebundenen Archive in größerer Zahl errichtet würden, mit denen ich dann in einen regen Material- und Erfahrungsaustausch treten könnte. Um die noch vorhandenen Archivalien in den einzelnen deutschen Archiven auszuschöpfen, wandte ich mich an verschiedene Privatforscher, die mir nun helfen, das apothekengeschichtliche Material auch aus den verstecktesten Faszikeln ausfindig zu machen.

1947, also ca. zehn Jahre später, nachdem ich von Dr. Ferchl die ersten Anregungen zu eigener pharmaziegeschichtlicher Betätigung Erhielt, wurden ca. 5000 eigene Fragebögen an alle deutschen Apotheken verschickt mit dem Ergebnis, daß bis heute ca. 2000 von den Kollegen nach bestem Wissen ausgefüllt mich wieder erreichten und der Sammlung einverleibt werden konnten. Zur Zeit versende ich versuchsweise an alle Apotheken im Gebiet von Nordrhein-Westfalen meine Fragebögen zum zweiten Mal, und ich gehe jetzt daran, nachdem nun schon 8000 Bogen verteilt sind, noch einmal allen Kollegen eine erneute Aufforderung zukommen zu lassen, die mir bis jetzt noch nicht geantwortet haben. In Anbetracht des großen Zieles, das ich mir steckte, darf ich wohl noch einmal bitten mich mit geschichtlichem Material über die einzelnen Apotheken zu unterstützen. Denn es lassen sich die geschichtlichen Daten nicht allein nur durch die Bearbeitung der bereits vorhandenen gedruckten Literatur und systematische Anfragen an alle Bibliotheken und Archive zusammenstellen, wie ich dies bereits schon generell durchführte, sondern in den Unterlagen und Urkunden, die noch im Besitze der einzelnen Kollegen sind, befinden sich viele wertvolle Angaben, die ich für meine beabsichtigte lexikographische Zusammenstellung der Geschichte der deutschen Apotheken dringend benötige.

Zusammenfassend stelle ich eine Einteilung auf, wie sie sich aus der Arbeit bis heute ergeben hat.
Drei Abteilungen sind es, in die ich mein Archiv untergliedern kann:

I. Eine apothekengeschichtliche Dokumentensammlung mit den Fragebogen und den erläuternden geschichtlichen Unterlagen, die von seiten der Kollegen dem Archiv eingesandt worden sind und die in Verbindung damit im Rahmen bereits in Arbeit befindliche lexikographische Kartei.

II. Die Bibliothek, die schon wertvolle Zuwendungen aus Kollegenkreisen erfahren hat zusammen mit der geographischen Literaturkartei über alles bereits gedruckte geschichtliche Material über die deutschen Apotheken und

III. Eine kleine Sammlung pharmaziegeschichtlicher Altertümer, die manches interessante Stück aus der Vergangenheit unseres Berufes enthält und das obenerwähnte pharmaziegeschichtliche Bilderarchiv.

Wem sein Beruf lieb und wert ist, der achte auch darauf, daß seine Tradition gepflegt und die Geschichte seines Standes volle Würdigung erfährt. Noch einmal möchte ich betonen, daß es mein Bestreben ist:

1. vorhandenes, vielleicht noch vergrabenes Material über die Geschichte der deutschen Apotheken aus der Verborgenheit und Vergessenheit herauszuholen und der pharmaziegeschichtlichen Wissenschaft nutzbar zu machen,

2. weitere Arbeiten und Forschungen anzuregen, die Apotheker und vor allem den pharmazeutischen Nachwuchs zu eigener Mitarbeit zu bewegen und

3. die Freude an der reichen Geschichte unseres schönen Standes und Berufes bei den Kollegen wachzurufen und zu vertiefen.

MediathekInformation und Wissen
LageplanSo finden Sie uns