Internationales Symposium „Die verstimmte Gesellschaft“

Musik und Medizin begegnen sich auf vielen Ebenen, von der Sinneserfahrung und den Emotionen bis zur Bewegung des Menschen im Tanz. Sie begegnen sich auch dort, wo es um Erschütterung geht: um Trauma, aber auch um Angst, Schmerz, Stress und Desorientierung, um menschliche Verletzlichkeit und die Frage, wie sie sich lindern lässt. Menschen, die ein Trauma erlebt haben, fehlt oft die Sprache für das Erlebte. Ob Musik, weil sie sich dem Sprachlichen entzieht, einen Raum jenseits von Worten und ihren Bedeutungen eröffnet, oder ob sie umgekehrt gerade dazu verhilft, Schweigen in Sprache zu überführen, gehört zu den offenen Fragen dieser Tagung. Sie reicht weit über individuelle Traumata hinaus: Trauerlieder und Protestsongs sind Beispiele für kulturelle Praktiken kollektiver Verarbeitung. Musik dient dabei nicht allein der Bewältigung, sondern auch der Darstellung, der Erinnerung, der Stiftung von Gemeinschaft und mitunter jenem unerwarteten Kräftezuwachs, den die Psychologie als posttraumatisches Wachstum beschreibt.

Zugleich sind „Trauma" und „Krankheit" nicht nur Erfahrungen, sondern Deutungskategorien. Gesellschaften beschreiben sich selbst in medizinischen Begriffen; Krankheiten tragen wechselnde kulturelle Wertungen, und noch die Musik konnte zum pathologischen Befund einer als krank empfundenen Zeit erklärt werden. Der Titel der Tagung nimmt diese Metaphorik bewusst auf und stellt sie zur Diskussion: Wer stellt fest, dass eine Gesellschaft verstimmt ist, mit welchen Begriffen und mit welchem Anspruch? Was als Störung und was als Differenz gilt, ist selbst Gegenstand historischer und kultureller Aushandlung. Auch die Reichweite der Erschütterung ist weit zu fassen. Sie betrifft nicht nur unmittelbar Betroffene, sondern ebenso Zeugen, Mitwirkende und Behandelnde. Und Musik ist dabei nicht nur Musik im engeren Sinn: Klang, Stimme, Geräusch und Schweigen gehören ebenso in dieses Feld wie die historisch wandelbaren Praktiken des Hörens.

Die Tagung möchte dieses Feld interdisziplinär ausloten und unter anderem danach fragen,

• welche psychophysiologischen und neurobiologischen Befunde die Beziehung zwischen Musik und Medizin im Trauma verstehen helfen,

• welche Musik zur Traumabewältigung eingesetzt wird, aber auch wie Musik selbst Gewalt ausüben und Traumata erzeugen kann,

• was es für Medizin und Musik bedeutet, wenn Musik zur Therapie wird, und wo die Grenze zwischen künstlerischem Ausdruck und therapeutischer Funktion liegt,

• was sich über die Wirkung von Musik empirisch belegen lässt und was nicht, und welche Maßstäbe ein derart interdisziplinärer Gegenstand überhaupt erlaubt, 

• wie Musik mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen — Literatur, bildende Kunst — zusammenwirkt, wenn es um Trauma und Traumabewältigung geht,

• wie Musik als soziale und institutionelle Praxis wirksam wird: im Konzert, im öffentlichen Engagement, in den Einrichtungen der Medizin,

• wie im Verhältnis von Musik und Wahrnehmung über Normalität, Störung und Differenz entschieden wird,

• wie verschiedene Disziplinen über die Beziehung von Medizin und Musik im Trauma nachdenken,

• welche Geschichte von Trauma und Traumabewältigung sich mit einem Fokus auf Musik historiographisch erschließen lässt.

Musik soll also als Symptom, Ausdrucksform, Therapeutikum, Gewaltmittel, Vehikel und möglicher Spiegel im weiten Spektrum von Medizin, Gesellschaft und Gesundheit untersucht werden.

MediathekInformation und Wissen
LageplanSo finden Sie uns