Kurzanleitung zum geisteswiss. Arbeiten

Kurzanleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten
im Fach Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin

Inhalt:
1. Forschung, insbesondere: Bibliographieren
2. Darstellung, insbesondere: Zitieren
3. Übung zur Biographie
4. zu geisteswissenschaftlichen Grundbegriffen
1. Forschung, insbesondere: Bibliographieren
Der Forscher/ die Forscherin im Bereich GTE ist, wie andere Wissenschaftler auch, davon abhängig, sich auf die Arbeiten anderer Autoren stützen zu können. Nur so kann ihm/ ihr eine Einordnung der eigenen Fragestellung, der eigenen Methode und der Ergebnisse in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion gelingen. Nur so kann er/ sie früher geschaffenes Wissen für andere nachvollziehbar für sich nutzbar machen.
Dazu gehört, dass
· Angaben über Werke, auf die er/ sie sich stützt so exakt wie nötig und so strukturiert wie möglich wiedergegeben, d.h. zitiert werden.
· möglichst die aktuellsten wissenschaftlichen Schriften zum bearbeiteten Thema von ihm/ ihr diskutiert werden.
Das bedeutet, dass möglichst exakt die geeignete, nötige vorhandene Literatur zu einem Thema gesichtet wird. Diesen Vorgang bezeichnet man als bibliographieren. Eine geordnete Sammlung von vorhandener Literatur wird als Bibliographie bezeichnet.
Bibliographische Ressourcen
Neben Zettelkatalogen in Bibliotheken stehen Ihnen heute viele Ressourcen elektronisch zur Verfügung.
Im folgenden werden Ihnen
1.1 Bibliothekskataloge und
1.2 Aufsatzdatenbanken
vorgestellt.
1.1 In einem Bibliothekskatalog finden Sie alle Bücher und Zeitschriftentitel, die in der jeweiligen Bibliothek erhältlich sind. Normalerweise sind keine Zeitschriftenaufsätze verzeichnet.
Der Katalog der Universitätsbibliothek der HHU findet sich im Internet unter:
www.ub.uni-duesseldorf.de (dem Link-> „Katalog“ folgen
Der Karlsruher Virtuelle Katalog bietet eine Suchmöglichkeit über alle deutschen Bibliotheksverbünde und einige ausländische Bibliographien und Datenbanken. (http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html)
1.2 In Aufsatzdatenbanken finden Sie in Zeitschriften veröffentlichte Einzelaufsätze zu bestimmten Themen. Viele Datenbanken bieten darüber hinaus kurze Inhaltsangaben der Aufsätze (Abstracts).
Für Mediziner sehr geeignet ist das Kooperationsangebot des Deutschen Institutes für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) und der Zentralbibliothek für Medizin in Köln (ZBMED). Der MEDPILOT (www.medpilot.de) bietet Zugriff auf mehrere Datenbanken gleichzeitig. Auch eine Reihe medizinhistorischer Aufsätze findet sich hier verzeichnet.
Detailinformationen zum Inhalt der Datenbanken finden Sie unter
www.dimdi.de -> Datenbanken -> Datenbanken -> A-Z
z.B. zur MEDLINE:
„MEDLINE enthält Nachweise der internationalen Literatur aus allen Bereichen der Medizin, einschließlich der Zahn- und Veterinärmedizin, Psychologie und des öffentlichen Gesundheitswesens. Die Datenbank entspricht dem gedruckten Index Medicus und einigen anderen gedruckten Bibliografien. Quellen sind ca. 4.500 internationale Zeitschriften. Suchbar sind bibliografische Angaben, Deskriptoren (Englisch, Deutsch, Französisch) und Abstracts (76 %).“
1.3 Wann nutze ich was?
Der wichtigste Hinweis: Verlassen Sie sich nie auf nur eine Ressource! Kombinieren Sie Datenbanken, sonst könnten Ihnen wichtige Informationen durch die Finger gleiten!
Grundsätzlich ist Zeitschriftenwissen, wie Sie es in spezielleren Zeitschriftenaufsätzen finden von Buchwissen, wie es z.B. in Lehrbüchern vorkommt zu unterscheiden.
Die Hauptunterschiede mit ihren Vor- und Nachteilen sind hier skizziert:
Zeitschriftenwissen (innerer Forscherkreis):
Positiv: aktuell, schnell verfügbar, neuester Stand
Negativ: schnell-lebig, widersprüchlich, "Ballast"
Buchwissen (äußerer Forscherkreis):
Positiv: etabliertes Wissen, didaktisch aufbereitet, "Essentials"
Negativ: langsam, evtl. bei Erscheinen veraltet, unkontrovers
Für speziellere Fragestellungen bietet die UB der HHU unter
www.ub.uni-duesseldorf.de/ebib/
ein Schaubild an, das auf weiterführende Hilfestellungen verweist
2. Darstellung, insbesondere: Zitieren
Damit andere Forscher bibliographische Angaben eines Autors überprüfen können und so Aussagen richtig zuordnen, interpretieren und deuten können, gehört „richtiges“ Zitieren nicht nur zum guten Stil sondern auch zum wissenschaftlichen Standard.
Bücher, Zeitschriften, Internetseiten und unpublizierte Schriften sind dabei grundsätzlich zu unterscheiden. Gegebenenfalls verlangen Herausgeber von Autoren die Einhaltung von Sonderregeln. Daher sind die folgenden Regeln in keinem Fall auswendig zu lernen, sondern gegebenenfalls beim Erstellen einer Literaturliste als Muster heranzuziehen
2.1 Bücher
2.1.1 Bei Büchern insgesamt sind Angaben erforderlich zu: Autoren oder Herausgebern, Titel, evtl. Untertitel, Druckjahr und, last but not least, Druckort
2.1.2 bei Nachdrucken / Reprints bzw. Mehrfachauflagen und Übersetzungen sind diese Angaben zumindest für das vorliegende Buch selbst vollständig aufzuführen, am besten ergänzt durch die entsprechenden Angaben für die Erstauflage; eine Vermischung ist missverständlich und zu vermeiden;
2.1.3 hilfreich, aber deutlich weniger notwendig erscheinen dagegen - in dieser Reihenfolge - die Angabe des Verlags, eventuell der Publikationsreihe;
2.1.4 absolut verzichtbar sind die Namen der Herausgeber der eventuellen Publikationsreihen sowie die akademischen Titel der Autoren bzw. Herausgeber.
Aufsätze aus Sammelbänden und Zeitschriften
2.2 Bei Aufsätzen aus Sammelbänden oder Artikeln aus Nachschlagewerken sind zusätzlich zu den unter 2.1 aufgeführten Angaben die Autoren, der Titel und die Seitenangaben des Einzelbeitrags aufzuführen.
2.3 Bei Zeitschriftenaufsätzen sind Angaben erforderlich zu: Autoren, Titel und Seitenangaben des Einzelaufsatzes, Name der Zeitschrift, Jahrgang und Jahr;
2.3.1 eventuell kann die Nennung des Druckorts bei Zeitschriften mit häufiger Benennung oder kleiner Auflage hilfreich sein, üblicherweise ist dies verzichtbar;
2.3.2 absolut verzichtbar sind die Namen der Herausgeber der Zeitschrift sowie deren akademische Titel und institutionelle Zugehörigkeit.
Internetseiten
2.4 Bei Internetseiten ist die komplette Adresse anzugeben und zusätzlich das Tagesdatum, wann diese Seite aufgesucht worden ist, sowie ggf. der Autor; hilfreich sind Informationen zur institutionellen Anbindung der Internetseite.
Nicht im Verlag erschienene Literatur, Quellen
2.5 Bei sämtlichem „unpublizierten“ Schrifttum ist zusätzlich zu Angaben über Autor, Titel, Ort, Jahr und Paginierung des Schriftstücks unbedingt der Aufbewahrungsort inclusive der Signatur der betreffenden Bibliothek bzw. des Archivs nach deren jeweiligen Richtlinien anzugeben. Vor dem Besuch eines Archivs empfiehlt sich unbedingt eine schriftliche Anmeldung, nicht zuletzt wegen der erforderlichen Benutzerberatung.
3. Biographische Übung
Die Medizingeschichte versucht, historische Individuen, Ereignisse und Strukturen unter dem besonderen Blickwinkel des medizinischen Fachs und angrenzender Gebiete zu beschreiben, zu erklären und Entwicklungslinien abzuleiten. Dabei wird der Versuch unternommen, „Vergangenheit“ und „Vergangenes“ möglichst objektiv zu rekonstruieren. Es gilt Zeugnisse der Vergangenheit (die sogenannten Quellen) aufzuspüren und kritisch zu interpretieren, um diesem Ziel nahe zu kommen. Die subjektive Zeit und Standortgebundenheit der eigenen Person und Arbeit des Historikers darf bei diesem Versuch nicht vergessen werden.
Es gibt die unterschiedlichsten Methoden unter diesen Prämissen „Vergangenheit“ zu rekonstruieren und ebenso viele Darstellungsmöglichkeiten. Die Sozialgeschichte z.B. beschäftigt sich mit der soziologischen Analyse des Zusammenhangs zwischen politischen, ideologischen oder kulturellen Vorgängen mit sozialökonomischen Faktoren. Ideengeschichte versucht z.B. die Entwicklung von Theorien und Ideen zu rekonstruieren.
Eine ältere Methode der Medizingeschichte, die durch Missbrauch bei Historikern in Verruf geraten war, aber dennoch ob ihrer Popularität gerade in der Geschichte der Medizin eine überragende Rolle spielte, ist die Biographie. Populär war und ist diese Methode, da sie zum einen für viele Mediziner historische Rollenmodelle bereit stellte, zum anderen förderte sie durch lobende Darstellungen großer Entdecker den Glauben an den Fortschritt des eigenen Faches. Dadurch rückte die Methode in die Nähe der Hagiographie. Seit etwa zehn Jahren erlebt die Biographie als kritische Biographie eine Renaissance.
Zu einer Person aus der Medizingeschichte erhalten Sie die Aufgabe
a. eine Kurzbiographie erstellen
b. Schriften dieser Person benennen (sowohl Bücher als auch Aufsätze)
c. Schriften über diese Person zitieren (sowohl Bücher als auch Aufsätze)
d. eine Beurteilung abgeben, ob es sich bei der Person um einen „Helden“, einen „Schurken“ oder einen „Scharlatan“ handelt.
Diese Übung hat folgende Lernziele:
• Sie sollen unterschiedliche Arten von Literatur kennen lernen
• Sie sollen einmal einen elektronischen Katalog benutzen und unterschiedliche Suchen nach Autor, Titel o.ä. durchführen
• Sie sollen den Unterschied zwischen Primär- und Sekundärliteratur erkennen
• Sie sollen erkennen, dass die „Geschichte der Medizin“ einen Interpretationsprozess beinhaltet, der stark von der Gegenwart beeinflusst wird
• Sie sollen Ihre Ergebnisse korrekt und stilistisch angemessen präsentieren können
Wie Sie unschwer erkennen, sollen Sie im Kleinen die biographische Methode anwenden und dabei neben der Methode die bibliographischen Werkzeuge der Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin sowie vieler anderer Wissenschaften kennen lernen.
Zur Lösung der Aufgabe müssen Sie sich valide Informationen beschaffen. Sowohl Sammelbiographien als auch Einzelbiographien zu den gesuchten Persönlichkeiten können hilfreich sein. Der Informationsbeschaffung können verschiedene Ressourcen dienen, die Ihnen zum Teil nicht nur sagen, was es gibt, sondern auch, wo sie etwas ganz konkret finden und ausleihen können.
4. Geisteswissenschaftliche Grundbegriffe
In Abgrenzung von nomothetischen, d.h. an Gesetz- oder Regelmäßigkeiten orientierten (Natur- ) Wissenschaften zielt ein idiographischer, geisteswissenschaftlicher Ansatz auf das Verstehen mit Hilfe hermeneutischer Verfahren.
Hermeneutik
1. Schritt: Fragestellung (vgl. Forschungsstand)
2. Schritt: Quellensuche („Heuristik“)
3. Schritt: Interpretation und Kritik (Text, Kontext, Ideologie, Theorie)
4. und weitere Schritte: verbesserte Fragestellung, erneute Heuristik u. Kritik (daher „hermeneutischer Zirkel“)
In der Heuristik werden zwei Grundprinzipien unterschieden:
Pertinenzprinzip (Betreff, d.h. Thema der Texte) vs.
Provenienzprinzip (Herkunft der Texte, Kontext, Autorschaft).
Das Provenienzprinzip ist nicht nur für die Suche nach unpubliziertem Material maßgeblich, z.B. Nachlässe oder behördliche Akten in Archiven, sondern insbesondere zur Informationsgewichtung, z.B. auch im Internet, d.h. die Information wird nach ihrer Herkunft eingeordnet und bewertet.
Im Vergleich zum Zeitschriften- und erst recht zum Buchwissen erscheint das unpublizierte Wissen, z.B. in Laborbüchern oder Patientenakten, auf den ersten Blick meist noch widersprüchlicher und streckenweise trivial (Ballast). Da dieses Schriftgut aber als Primärquelle ("Überrest") aus einem anderen, evtl. vertraulichen Kommunikationszusammenhang überliefert und der Lesende nicht Adressat des Textes ist, sind Ansätze für Kritik und Interpretation eher offenbar, als dies bei Forschungs- bzw. Sekundär-Literatur (historisch sog. Tradition) der Fall ist, die für Mit- und Nachwelt verfasst und konsistent aufbereitet wurde. Von besonderem Wert sind einerseits aufeinander Bezug nehmende konträre Aussagen z.B. in Briefen oder Gerichtsakten, andererseits empirische Grunddaten, die über die zeitgenössisch verwandten Konzepte hinaus Bestand haben (z.B. Demographie).

Literaturauswahl
DUFFIN, J. (1999). History of Medicine: A Scandalously Short Introduction. Toronto Buffalo, University of Toronto Press
EIBACH, J., and LOTTES, G., Hrsg. (2002). Kompass der Geschichtswissenschaft: ein Handbuch. Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht
FANGERAU, H., RAPHAEL, S., WINTERER, S., and SIMON, A. (2002). Bericht aus der Werkstatt Teil 1: Ein Beispiel für die Nutzung bioethischer Infrastruktur. Zeitschrift für Medizinische Ethik 48, Nr. 4: 407-419
GRADMANN, C. (1998). Leben in der Medizin: Zur Aktualität von Biographie und Prosopographie in der Medizingeschichte. In Medizingeschichte: Aufgaben, Probleme, Perspektiven, edited by PAUL, N. and SCHLICH, T., Hrsg., Frankfurt: Campus Verlag: 243-265
GTE-Skript Kapitel 2 Bio- und Bibliographie als PDF:

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