Arbeitsgemeinschaft Medizin und Literatur
Literatur ist seit jeher von Motiven physischer und psychischer Erkrankungen, von Behinderungen und von Patienten- und Arztfiguren geprägt. Ob der Wahnsinn Woyzecks, die Verzweiflung Ophelias oder die traumatischen Erfahrungen des Dr. Rönne in Gottfried Benns Erzählungen, literarische Texte eröffnen vielfältige Perspektiven auf Krankheit, Gesundheit und medizinisches Handeln. Auch schreibende Ärzt*innen haben ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen immer wieder literarisch verarbeitet. Lange fanden solche Erfahrungsberichte, Autobiografien und Erzählungen in der Medizin nur begrenzt Beachtung.
Seit den 1990er-Jahren rücken Krankheitserzählungen jedoch zunehmend in den Fokus medizinischer Forschung und Lehre. Insbesondere im Rahmen der Narrative Medicine wird die Bedeutung fiktionaler und autobiografischer Erzählungen für die medizinische Ausbildung und das Arzt-Patienten-Verhältnis hervorgehoben. Rita Charon betont das Potenzial von Krankheitserzählungen, medizinischem Personal einen Perspektivwechsel zu ermöglichen und dadurch ein besseres Verständnis für die Erfahrungen und Sichtweisen von Patient*innen zu fördern.
Aus diesen und weiteren Überlegungen haben sich die Medical Humanities entwickelt, die den Blick über den Faktor der Empathiebildung hinaus erweitern. Sie berücksichtigen unter anderem Fragen von Geschlecht, Bildungsstand und kulturellen Einflüssen, aber auch zugrunde liegende Machtstrukturen und die kulturelle Bedeutung medizinischen Wissens. Die Health Humanities führen diese Perspektive weiter und machen deutlich, dass Gesundheit und Krankheit nicht allein aus der Arzt-Patienten-Beziehung heraus verstanden werden können, sondern durch vielfältige gesellschaftliche, kulturelle und institutionelle Faktoren sowie unterschiedliche Akteur*innen geprägt sind.
Die AG Medizin und Literatur möchte an diese interdisziplinären Ansätze anknüpfen und einen Raum für die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Medizin, Literatur und anderen künstlerischen Ausdrucksformen schaffen. Sie soll Akteur*innen aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenbringen und den Austausch zwischen Medizin, Literatur-, Kultur- und Geisteswissenschaften sowie weiteren verwandten Disziplinen fördern.
Schwerpunkte der AG sind:
- die Bündelung und Diskussion unterschiedlicher Ansätze und Forschungsarbeiten zu Medizin und Literatur,
- die Untersuchung des Einflusses von Literatur und verwandten Gattungen und Ausdrucksformen, etwa Theater und Performance Art, auf die medizinische Praxis, Ausbildung und Forschung,
- die Entwicklung und Erprobung gemeinsamer bzw. kooperativer Projekte,
- die Diskussion der Einsatzmöglichkeiten von Literatur und den Health Humanities in der (interdisziplinären) Lehre,
- die Schaffung eines offenen Diskussionsraums für Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen,
- die fachliche Vernetzung sowie die Reflexion über Möglichkeiten einer Kommunikation und Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg.
Die AG versteht sich dabei als offenes und interdisziplinäres Forum, in dem sowohl bestehende Projekte und Forschungsansätze vorgestellt als auch neue Fragestellungen und Kooperationen entwickelt werden können. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Beitrag Literatur und andere Formen kultureller Auseinandersetzung zu einem erweiterten Verständnis von Krankheit, Gesundheit und medizinischem Handeln leisten können und wie umgekehrt medizinische Perspektiven literatur- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen bereichern.
Ansprechpartnerin: Dr. Daniela Link (daniela.link@hhu.de)
